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Ein Labyrinth ist kein Irrgarten

von Dr. Alfons Hämmerl
Im Labyrinth verirrt man sich nicht,
sondern man findet zu sich selbst.

Veröffentlicht in:
Landshuter Zeitung (Landshut, Bayern) August 1997
Donaukurier (Ingolstadt, Bayern) November 1997

 

Labyrinthe sind keine Irrgärten; in einem Labyrinth kann man sich nämlich nicht verlaufen. Vielmehr darf, wer sich aufmacht, den labyrinthischen Weg zu beschreiten, absolut sicher sein, ans Ziel zu kommen.

Das "Labyrinth" von Knossos

Die Irrgarten-Vorstellung, die für gewöhnlich mit dem Begriff "Labyrinth" verbunden wird, entstammt im wesentlichen der griechisch-antiken Fabel von Theseus, der im Palast zu Knossos das menschenfressende Ungeheuer Minotauros bezwingt und nur mit Hilfe eines Fadens (des sagenhaften "Fadens der Ariadne") wieder herausfindet. Aber schon in der Theseus-Sage ist die ursprüngliche Labyrinth-Tradition mit sekundären Irrgarten-Elementen versetzt. Die Kulturgeschichte präsentiert das ursprüngliche Labyrinth als einen kreuzungsfreien Weg, der mit einem Maximum an Umwegen auf einem Minimum an Fläche sicher ins Zentrum führt.

Das Labyrinth - ein Ursymbol

Das früheste bekannte Labyrinth wurde in einer Grabhöhle bei Luzzanas auf Sardinien gefunden und dürfte dort bereits 2500 v. Chr. in den Fels geritzt worden sein. Nicht zufällig befindet es sich gerade in einer Grabkammer: diese kleine, unscheinbare Zeichnung von etwa 30 Zentimetern im Durchmesser ist Ausdruck des Lebens- und Selbstverständnisses der Menschen, die sie angefertigt haben. Sie setzten den labyrinthischen Weg mit ihrem gesamten Lebensweg in eins, der von der Geburt seinen Ausgang nahm und durch viele Windungen und Umwege seinem sicheren Ziel, dem Tod, entgegenging. Durch die Labyrinth-Zeichnung dokumentieren nun aber die Menschen aus dem urzeitlichen Sardinien ihren Glauben, daß der Tod für sie nicht bloßes Unglück, sondern notwendige und zentrale Station ihres Lebens ist; so wie der, der das Labyrinth beschreitet, mit Sicherheit ans Ziel kommt und im Zentrum auf einen Wendepunkt trifft, der ihn zum Wiederherausgehen anleitet, so verstehen sie das Leben als einen unfehlbaren Weg, der ins Zentrum ihres Daseins führt. Dort aber, im Tod, sehen sie keine Sackgasse, sondern eben den entscheidenden Wendepunkt: den Anfang einer wie auch immer gearteten Neuwerdung.

Das Labyrinth als christliches Symbol

Die Theologen des Mittelalters benutzten das Labyrinth, um die christliche Auferstehungsbotschaft zum Ausdruck zu bringen. Sie kopierten jedoch nicht unbesehen, sondern sie gestalteten und deuteten das Labyrinth so um, daß es sich in ihr Denk- und Vorstellungssystem fügte und auf diese Weise zu einem spezifisch christlichen Symbol wurde. So kam es, daß es sogar in das Kirchenbauprogramm aufgenommen wurde: jede der großen Kathedralen in Frankreichs Norden besaß - als Mosaik in den Boden eingelassen - ein Labyrinth.
Schon die Stelle, an der dieses Mosaik angebracht wurde, ist von Bedeutung. Dazu muß man wissen, daß alte Kirchen immer "geostet" waren, das heißt: die Architekten hatten sie so ausgerichtet, daß man sie durch das Hauptportal von Westen her betrat und dann, nach vorne schreitend, gen Osten ging. Dies machte deshalb Sinn, weil der Osten durch seinen Zusammenhang mit der aufgehenden Sonne für Licht und Erleuchtung im allgemeinen und im besonderen für Christus, die "Sonne der Gerechtigkeit" stand. Wer also nun eine solche Kirche betrat und sich nach vorne, zum Heiligtum, bewegte, der entfernte sich vom Dunkel und näherte sich dem Licht.
Auf dem Weg vom Hauptportal nach vorne traf man im hinteren Drittel der Kirche auf das Labyrinth. Es nahm die ganze Breite des Hauptschiffes ein und maß infolgedessen etwa zwölf bis vierzehn Meter im Durchmesser. Es hatte eine Art "Schwellenfunktion": Es ist überliefert, daß vor allem die Pilger all seine Windungen durchschritten. Danach aber wußten sie sich geläutert und gewürdigt, den Chorumgang im vorderen Teil der Kirche zu beschreiten und damit die unmittelbare Nähe des Heiligtums zu betreten. Es war nicht ein magischer Zauber, der dem Labyrinth zugeschrieben und durch das Begehen freigesetzt worden wäre, vielmehr wurden durch diese merkwürdige Figur am Boden, die den Pilger am direkten und geraden Weg hinderte und auf verschlungene Pfade zwang, Erfahrungen vergegenwärtigt, die die Menschen aus ihrem täglichen Tun und Ergehen kannten. Sie wußten eben, daß der Weg zum Ziel nicht immer der kürzeste ist und daß es - ganz wörtlich verstanden - oft viel "durchzumachen" galt, bevor man endlich seinen Bestimmungsort erreichte.
Wie erwähnt, paßten die Theologen das Labyrinth an die christliche Gedankenwelt an, wobei das grundlegende Konstruktionsprinzip jedoch unangetastet blieb: Ein Labyrinth ist kein Irrgarten! Zum einen wurde die Zahl der Umgänge von sieben auf elf erweitert. Dadurch wurde die Symbolkraft der Zahl "Elf" abgerufen: Elf übersteigt die Vollkommenheitszahl zehn (10 Gebote) und steht deshalb einerseits für Maßlosigkeit, andererseits bleibt es hinter der Zahl der zwölf Apostel zurück und bedeutet deshalb auch Unvollkommenheit. Insgesamt ist die Elf jedenfalls ein Symbol für die unvollkommene und unerlöste Welt.
Eng damit in Zusammenhang steht die zweite Abänderung: Die Wendepunkte des Weges wurden so angeordnet, daß in der Draufsicht die Form eines Kreuzes sichtbar wurde. Damit brachten die Theologen - trotz allen Wissens um Unvollkommenheit, Leid und Schuld - eine ungemein optimistische Weltsicht zum Ausdruck: Der Weg des Menschen durch die sündige und leidvolle Welt - symbolisiert durch die elf Gänge des Labyrinths - ist bereits überlagert durch das Zeichen der Hoffnung und Erlösung: durch das Kreuz.

Das Labyrinth - auch heute Hilfe zur Lebensdeutung?

Wer das Labyrinth "begreifen" will, muß sich mit ihm in Berührung bringen. Eigentlich verlangt das, es mit eigenen Schritten auszugehen. Aber auch schon die "kleine Lösung", nämlich mit dem Bleistift auf dem Papier den labyrinthischen Weg nachzuzeichnen, läßt schon eine Ahnung von der eigentümlichen Faszination aufkommen, die es ausstrahlt. Wer sich darauf einläßt, kann die Erfahrung machen, manches wiederzuerkennen was ihm sehr bekannt ist. Vielleicht werden ihm Stationen seines Lebens einfallen, die ihm so unübersichtlich erschienen, daß er sich schon überlegt hatte, ob das Weitergehen überhaupt noch Sinn macht. Auf dem Weg hat sich ihm aber möglicherweise Zuversicht zugeeignet und er hat für sich erkannt, daß sein Weg, so verschlungen und kompliziert er ihm selbst (oder anderen) auch erschienen war, eben doch sein ganz persönlicher Weg war, den er zu gehen hatte und den er dann auch gehen konnte. Wer solches widerfahren ist, hat die Verheißung des Labyrinths an sich verspürt: Der Weg meines Lebens ist nicht ohne Sinn!
Oder anders: vielleicht hat einer schon einmal eine Herausforderung frisch angepackt, hatte zunächst den Eindruck, daß er damit gleich fertig würde, mußte dann aber die schmerzliche Erfahrung machen, daß die eigentlichen Schwierigkeiten am Anfang gar nicht vorherzusehen waren, sondern erst auf dem Weg offenbar wurden: Er mußte langwierige Mühe und viel Durchhaltevermögen aufwenden, um nicht zu scheitern. Überdeutlich ist hier die Parallele zum Labyrinth-Weg, der sich gleichzeitig als Deutungshilfe anbietet: denn wer sich von außen auf diesen Weg begibt, steuert direkt und ungehindert, nur kurz durch einen Schlenker umgeleitet, auf die Mitte zu. Fast wähnt er schon, am Ziel zu sein. Da führt ihn der Weg um die Mitte herum, läßt ihn noch einen Halbkreis lang die Nähe der Mitte erfahren und bringt ihn dann richtig in die Wirrungen des Labyrinths hinein. Schließlich findet er sich ganz an der Peripherie wieder und wird dort endlos entlang geschickt. Schon verliert er die Mitte aus den Augen, denkt kaum mehr an sie, obschon er sie doch ständig umkreist. Endlich gelangt er beinahe dort an, wo er aufgebrochen ist. War der Weg umsonst? Doch just an diesem Punkt, da er keinen Fortschritt mehr zu erkennen vermag, die Mühsal des Weges für vergeblich halten und aufgeben möchte, biegt der Weg auf die Mitte zu und führt jetzt direkt und unmittelbar ins Ziel.
Der Weg des Labyrinths steht für alle Wege menschlichen Suchens, Probierens und Erkennens. Und gleichzeitig entbirgt er eine große Verheißung: Du darfst Dich Deinem Weg anvertrauen; Du mußt keine übergroße Angst vor dem Irrweg haben. Denn es gibt einen Weg, der Dein Weg ist und der ein Ziel hat: das Zentrum, das Ich, das Selbst, Dein Wesen - oder auch "Gott" - je nachdem, wie einer sein Ziel benennen möchte.

Und noch einmal: der Vergleich mit dem Irrgarten

Die grafische Darstellung von Irrgärten tauchte erst in der Renaissancezeit auf, einer Epoche, die den Glauben des Mittelalters an die eine verbindliche Wahrheit verloren hatte. Die Kirche begann, ihre Monopolstellung in Sachen "Konzeption der Lebensentwürfe" zu verlieren. Der einzelne konnte (und mußte!) immer mehr selbst Verantwortung übernehmen für den von ihm eingeschlagenen Weg. Das soll auf keinen Fall negativ bewertet werden - ist es doch die Grundlage für das moderne Welt- und Menschenverständnis, das auf der Autonomie des menschlichen Subjektes beruht. Aber dennoch darf nicht übersehen werden, daß durch diesen Wandel das Leben vom Labyrinth zum Irrgarten mutierte: Der Einzelne sah sich plötzlich einem Gewirr von verschiedenen Entscheidungszwängen gegenüber und er geriet in die große Gefahr, sich falsch zu entscheiden. Das Leben im Irrgarten gab auch Grund zu Sorge und Angst. Kein Zweifel: Leben im Irrgarten - das ist auch und erst recht für die Bewohner der heutigen modernen Welt schlichte Realität. Aber deshalb hat das Labyrinth seine Aktualität nicht verloren! Denn die Botschaft des Labyrinths vom sicheren Weg hat gerade in der Verunsicherung ihre wichtige Bedeutung. Sie verkündet, daß es trotz der verwirrenden Vielfalt der Möglichkeiten eigentlich nichts gibt, was in sich selber falsch wäre - und das ist beruhigend und tröstlich. Der Weg, den einer nun mal gegangen ist, ist sein Weg und auf ihm - auch dort, wo man ihn "Irrweg" oder "Umweg" nennen möchte - ist er der geworden, der er ist. Die einzig wirkliche Gefahr des Labyrinths besteht darin, daß einer aufgibt und stehenbleibt, nach dem spießbürgerlichen Motto: Lassen wir’s gut sein - für mich reichts! Damit verschenkt er dann wirklich die Möglichkeiten, die vielleicht noch in ihm stecken! Die für das Selbstverständnis des modernen Menschen so wichtige Freiheit ist - wie der Irrgarten sagt - sehr wohl zunächst einmal die Möglichkeit, aus verschiedenen Angeboten auszuwählen; aber darüber hinaus - und viel tiefer - ist Freiheit die Fähigkeit, die Entscheidung durchzutragen, die man einmal getroffen hat. Die Fähigkeit zu solcher Freiheit steht in Verbindung zur "Selbstwerdung", bzw. zur Identität mit sich selbst, - indem einer nämlich ja sagt zu dem Menschen, der er selber aufgrund seiner Geschichte geworden ist. Und damit ist man beim Ausgangspunkt. Glücklicherweise ist es wahr: Das menschliche Leben ist nicht nur Irrgarten, sondern auch Labyrinth - auch heute noch. Und in einem Labyrinth verirrt man sich nicht, sondern man findet zu sich selbst.

 

 

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