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Neun Themenartikel für das Lexikon "Der Glaube der Christen"

Gebet
Christliches Beten ist der menschliche Ausdruck des Bewußtseins, in jeder Lage vor Gott treten zu dürfen. Deshalb kennt das Gebet so viele Tonlagen und Haltungen, wie es menschliche Erfahrungen gibt.
Vorbild ist das alttestamentliche Beten, dies wiederum ist Spiegel des zugrundeliegenden Gottesbildes: Jahwe ist keiner, der zwingt, verlangt und verpflichtet, der förmlich-höflich angesprochen werden will; er ist vielmehr Weite und Befreiung, ihm gegenüber ist jedes Wort möglich, das Menschenschicksal zum Ausdruck bringt: Hören, Lob, Preis und Jubel, Klage - ja: Anklage, Ringen mit Gott und schließlich das Gewandelt-werden in der Berührung mit ihm.
Die Art und Weise, wie Jesus betet, ist Verwirklichung, Vertiefung und gleichzeitig auch Überbietung des Betens seines Volkes. Zunächst fällt das durchgängige Vertrauen auf, das er Jahwe entgegenbringt. Über die Tradition seines Volkes hinausgehend, nennt er ihn "Abba" - Vater. Sein Gebet ist vor allem den Psalmen nahe - so sehr, daß Augustinus der Meinung ist, diese seien für Jesus geschrieben worden. Alle Stationen seines Lebensweges sind durchformt und bewältigt von diesem zum Gebet geronnenen Vertrauen zum Vater im Himmel: von der Geistsalbung am Jordan über die Verklärung bis zur bitteren Verlassenheit in Gethsemani. Jesus betet nicht nur für seine Wohltäter, sondern auch noch für die, die ihm Unrecht tun: "Vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun!"
Der betende Christ strebt nicht danach, die Welt zu verachten oder sie zu fliehen, er sucht nicht die heile Idylle; vielmehr nimmt er gerade im Gebet seine konkrete Weltverantwortung wahr und geht nach dem Vorbild Jesu in die Welt hinein, um sie in seinem Geist zu gestalten. Nicht, wie manche neuzeitliche Gebetskritik (ausgehend von Kant bis herauf zu Brecht) meint, ist das Beten überflüssig oder sogar schädlich, weil es den Menschen zu feiger Schicksalsergebenheit verleite und seinen Einsatz für die Selbstverwirklichung und für den Mitmenschen schwäche, sondern vielmehr schärft recht verstandenes Beten das Bewußtsein für das, was zu tun ist. Ja, es befähigt sogar zum Tun, weil der Betende nicht aus moralischem Druck lebt, sondern aus der Erfahrung des unbedingten Geliebtseins heraus die nötige Gelassenheit mitbringt, das Risiko des Handelns auf sich zu nehmen.
Christliches Beten ist auch als Bittgebet nicht Ausdruck eines eigennützigen und egoistischen Versuches, bei Gott für sich und die Seinen etwas durchzusetzen, was möglicherweise anderen zum Schaden gereicht. Der Betende weiß, daß Gott im Grunde nicht dazu bewegt oder überredet werden muß, den Menschen gut zu sein - so, als ob, entsprechend deistischer Vorstellung, die Welt Gottes nachträgliche Korrekturen vonnöten hätte. Vielmehr weiß der christliche Beter, daß Gott nicht eigentlich "eingreifen", sondern viel eher eingelassen werden muß. So ist die Vater-Unser-Bitte "Dein Reich komme" Ausdruck des Wagnisses, sich Gottes Nähe zu öffnen und die Welt der Menschen nach dem Maßstab der göttlichen Liebe zu begreifen. Deshalb sagt der markinische Jesus: "Bei allem, was ihr im Gebet erfleht, sollt ihr glauben, daß ihr es bereits empfangen habt - und es wird euch zuteil werden." (Mk 12,54)

Gebot
Die kirchliche Tradition unterscheidet in "Gebote der Kirche" und "Gebote Gottes"; erstere beziehen ihre Berechtigung aus der Sendung der Kirche zur Vergegenwärtigung des Auferstandenen, aber sie müssen sich aus den Geboten Gottes wenn schon nicht direkt ableiten, so doch von ihnen her legitimieren lassen. Sie sollen die Freiheit und Freiwilligkeit des sittlichen Handelns nicht beschränken, sondern ein Mindestmaß an Gemeinschaftssinn sichern.
Im engeren Sinn meint der Begriff die "Gebote Gottes", ganz besonders die als "Dekalog" bekannten "Zehn Gebote" des Alten Testaments und die neutestamentlich-jesuanische Formulierung des christlichen Hauptgebots: Die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe. Der alttestamentliche Fromme versteht die Gebote und das "Gesetz" (Thora) als Ausdruck der Lebensgesetze, auf denen das Bundesverhältnis mit Jahwe ruht. Er hat "Freude am Gesetz" (Ps 19,8-11) und fühlt sich auf es unbedingt verpflichtet. Für die Auslegung der Gebote Gottes werden die Schriftgelehrten und Priester herangezogen. Im Spätjudentum werden die Gebote durch diese Auslegung zu einer Fülle von Einzelvorschriften ausgeweitet; es entsteht das Mißverständnis, durch kasuistische, peinlich genaue Befolgung der Einzelnormen entstehe ein Anspruch auf Heil und Erlösung.
Jesus sieht sich in der Tradition des Bundesvolkes und bekennt sich dazu, das Gesetz nicht aufheben, sondern "erfüllen" (Mt 5,17) zu wollen; der ursprüngliche Geist der Gebote Gottes soll neu bewußt werden. Gerade daraus aber entsteht Jesu Gesetzeskritik. Gegen eine kasuistische Auslegung des Sabbatgebotes stellt er klar: Der Sabbat ist für den Menschen da! (Mk 2,27) Damit kehrt er in der Tat zum ursprünglichen Zusammenhang der Gottesgebote zurück. Denn der Dekalog ist im Alten Testament mit einem Vorspruch versehen, der über sein rechtes Verständnis entscheidet: "Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus." (Ex 20,2)
Jegliche Auslegung der "Zehn Gebote" hat sich also daran zu messen, ob sie der Freiheit und der Befreiung dient. Dieser ursprüngliche, von Jesus neu in Erinnerung gerufene Horizont wurde auch in der Geschichte des Christentums immer wieder in kasuistischer Weise verdunkelt, so daß sich etwa Martin Luther genötigt sieht, in paulinischer Tradition Christus als das "Ende des Gesetzes"(Röm 10,4) zu verkünden. Nach Luther hat das Gesetz hauptsächlich den Sinn, das Ungenügen des Menschen und seine Erlösungsbedürftigkeit aufzudecken. Er solle erkennen, daß er von sich aus unfähig ist, den Willen Gottes zu tun und sich dadurch dem Wort Gottes und seiner Gnade öffnen.
Für heutiges Christsein sind die Gebote Gottes ein unersetzlicher Maßstab. Sie entheben den Menschen jedoch in keiner Weise seiner Aufgabe, im konkreten Handeln gemäß dem Vorbild Jesu nach dem Geist der Gebote zu fragen. Deswegen ist die Funktion des Gewissens für einen rechten Umgang mit den Geboten hervorzuheben. Zwar haben Gesetze und Gebote einen unverzichtbaren Entlastungswert für die konkrete Entscheidung des Einzelnen, jedoch gilt für die Ausgestaltung christlicher Sittlichkeit immer auch das Paulus-Wort: "Was nicht aus (Glaubens-) Überzeugung geschieht, ist Sünde." (Röm 14,23)

Geburtenregelung
Aus medizinischer wie sittlich-ethischer und kirchlich-theologischer Sicht erscheint Geburtenkontrolle, bzw. "verantwortete Elternschaft" als notwendig und geboten - und dies aus bevölkerungspolitischen, gesundheitspolitischen und individuellen Gesichtspunkten. Diskrepanzen ergeben sich, wenn die Frage nach der geeignetsten Methode der für eine Geburtenkontrolle unerläßlichen - mindestens zeitweisen - Empfängnisverhütung gestellt wird. Während die Medizin nach den Kriterien "Zuverlässigkeit", "Minimierung der gesundheitlichen Risiken" und "praktische Anwendbarkeit" urteilt und, obwohl die sogenannte "Natürliche Familienplanung" (NFP) in letzter Zeit erheblich an Ansehen gewonnen hat, dennoch der sogenannten "Pille" eine hohe Bedeutung zumißt, unterscheidet die offizielle kirchliche Position (Humanae Vitae, Familiaris Consortio, etc.) in "künstliche" und "natürliche" Methoden und bezeichnet nur letztere als legitim. Im Hintergrund der kirchlich-amtlichen Lehre steht eine augustinisierende Theologie, die wiederum deutlich von neuplatonischen Elementen gefärbt ist und eine intensive Verknüpfung von Sexualität und Fortpflanzung vornimmt, bis hin zu der Vorstellung, Sexualität gehöre einem minderwertigen Teil des Menschen an und lasse sich nur dann rechtfertigen, wenn sie der Fortpflanzung in der Ehe diene. Die in der Moderne möglich gewordene weitgehende Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung und die Neubewertung menschlicher Geschlechtlichkeit als eine Funktion der Kommunikation und der Lust erscheint auf diesem Hintergrund suspekt.
Diese Haltung des katholischen Lehramts hat auf seiten der meisten Moraltheologen zum Widerspruch geführt: hier hält man die Unterscheidung zwischen "künstlichen" und "natürlichen" Methoden für nicht sachgerecht und fordert eine Sicht von Sexualität, die mehr auf die sich in ihr vollziehende personale Beziehung abstellt und nicht ausschließlich fortpflanzungszentriert oder gar biologistisch urteilt. Vor allem aber betont die theologische Ethik in der Frage der Wahl der richtigen Methode die Kompetenz des Gewissensurteils der Einzelnen. Darin sind sie einig mit der sogenannten "Königsteiner Erklärung" der Deutschen Bischöfe (1968).

Geheimnis
Das Verständnis des Begriffs "Geheimnis" unterscheidet apokalyptische oder esoterisch geprägte Religionsgemeinschaften von einem christlichen, universal verstandenen Kirchenbegriff: erstere glauben, ein "Geheimwissen" hüten zu müssen, das nicht Uneingeweihten anheimfallen dürfe (vgl. etwa die Qumrangemeinde, aber genauso auch zeitgenössische Sektenverbände); im christlichen Sinne jedoch soll das Geheimnis nicht geheim gehalten werden, sondern es ist etwas, was nicht ohne weiteres für den "gesunden Menschenverstand" einleuchtend ist, weil es von der "alternativen Logik" Gottes geprägt ist. So wird im Alten Testament das Wesen der Weisheit als Geheimnis verkündet, was aber nicht heißt, daß es auf einen eng umgrenzten Kreis beschränkt werden, sondern vielmehr öffentlich ausgerufen und verständlich gemacht werden solle. (Weish 6,22).
Die synoptischen Evangelien kennen den Begriff nur im Wort vom "Geheimnis des Reiches Gottes." (Mk 4,11 par.) Der Anbruch des Gottesreiches ist ebenfalls kein "geheimer"(=geheimzuhaltender) Sachverhalt, sondern er bleibt geheimnis- und rätselhaft, wenn er nicht im Zusammenhang mit der Person Jesu verstanden wird. Das paulinische "Christusgeheimnis" umfaßt den göttlichen Heilsratschluß, der in Christus offenbar geworden ist. (Eph 3,1-13)
In systematischer Sicht ist das Geheimnis wesentliches Strukturelement des religiösen Wesens des Menschen und dessen geistiger Natur. Es ist (nach Karl Rahner) der Bezugspunkt der "erkennenden und frei liebenden Transzendenz" des Menschen. Das Geheimnis ist also - ganz im Sinne der biblischen Vorgaben - wesentlicher und bleibender Aspekt der Wirklichkeit und darf deswegen nicht mißverstanden werden als das vorläufig nicht geklärte, aber prinzipiell aufzuhellende; denn wenn menschliche Geistigkeit im tiefsten als die Verwiesenheit auf das Unendliche verstanden wird, das "Unendliche" aber prinzipiell und letztlich unbegreiflich bleibt, dann ist das Prinzip menschlicher Existenz wesentlich "das Vermögen der Annahme des Unbegreiflichen als solchen, des bleibenden Geheimnisses." (Rahner)

Geld
Der Gebrauch des Geldes unterscheidet die Naturalwirtschaft, in der nachgefragte und angebotene Güter direkt getauscht werden, von der Geldwirtschaft, in der man Güter und Leistungen gegen das indirekte Zahlungsmittel "Geld" verkauft. Die moderne arbeitsteilige Wirtschaft läßt sich ohne die Funktion des Geldes schlechterdings nicht denken. Neben der Tauschfunktion dient das Geld als Wertaufbewahrungsmittel - mit erwirtschaftetem oder erspartem Geld kann man je nach Bedarf Güter erwerben -, sowie als Rechengröße zum Wertvergleich zwischen den verschiedenen Gütern und Leistungen, die in einer Wirtschaftsgemeinschaft vorhanden sind und erbracht werden.
In wirtschaftsethischer Sicht kommt dem Geld eine dienende Funktion zu, indem es den reibungslosen Ablauf des Ausgleichs zwischen Bedarf und verfügbaren Gütern gewährleistet. Es ist also nicht Zweck an sich, sondern ein Baustein der Gesamtfunktion "arbeitsteiliges Wirtschaften" und hat somit der Versorgung der Menschen mit den benötigten Gütern zu dienen.
Dem Staat kommt die Aufgabe zu, die Funktionsfähigkeit des Geldes (vor allem durch "Geldwertstabilität") zu sichern.

Immanenz
Immanenz (von lat. "immanere" = "darinbleiben") ist der Gegenbegriff zu Transzendenz und bezeichnet zunächst einfach einen Gegenstandsbereich, der innerhalb einer bestimmten Grenze liegt. Er ist also ein Formalbegriff, der erst inhaltlich gefüllt wird durch die Definition der Grenze, auf die er sich bezieht.
Im philosophisch-theologischen Sinne verläuft diese Grenze zwischen absolutem und kontingentem Sein, sowie zwischen dem Sein des Schöpfers und dem Dasein des Geschaffenen. Immanent in diesem Sinne ist also dasjenige, was als "Welt" bezeichnet wird, gleichzeitig ist die immanente Wirklichkeit aber auch eine Verknüpfung von Schöpfung und Schöpfer, insofern das Unendliche im Endlichen gegenwärtig ist.
Die Geschichte des christlichen Geistes kennt bedeutende Strömungen, die die immanente Wirklichkeit wegen ihrer vergänglichen Natur minder bewertet. Eine zum wesentlichen Teil von Augustinus angestossene Frömmigkeit ging von der Annahme aus, man könne Gott nur lieben, wenn man die immanente Wirklichkeit verachte ("Weltverachtung" und "Weltflucht"). Erst durch Thomas von Aquin (+ 1274) wurden Immanenz und Transzendenz so gedacht, daß sie sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern so, daß Transzendenz als die Bedingung der Möglichkeit von Immanenz erschien. Gott suchen forderte dann nicht mehr Weltflucht, sondern vielmehr: der immanenten Welt auf den Grund zu gehen. Durch das II. Vatikanische Konzil ("Gaudium et spes") wurde durch die offizielle kirchliche Lehre der Welt ein relativer Eigenstand zugemessen; die immanente Welt ist ein Gegenstand des menschlichen Strebens und Erkennens, der nicht von Gott weg, sondern letztlich zu ihm hin führt.

Inkarnation
Inkarnation (lat. incarnatio = "Einfleischung") ist eine der grundlegenden Kategorien christlicher Theologie und Erlösungserwartung. Das Wort, das Fleisch geworden ist (Jo 1,14), bedeutet die Selbstoffenbarung Gottes in weltlich-menschlichen Kategorien. Damit kommt eine Hochschätzung der Welt zum Ausdruck; trotz der Beschädigung durch die Sünde wird ihr soviel Integrität zugetraut, das Wort der Erlösung vernehmen zu können. Mit dieser Grundoption steht der kirchliche Glaube von den Anfängen bis heute im Gegensatz zu allen Strömungen, die Jesus seiner wirklichen Menschennatur entkleiden und ihn in gnostischer und esoterischer Manier als Lichtwesen oder Erleuchteten, mit einem "Scheinleib" ausgestatteten göttlichen Boten verstehen wollen. Die frühe Dogmengeschichte ist nicht zuletzt eine Geschichte der Verteidigung der Inkarnation, verstanden als das wahrhafte Menschsein des Gottessohns.
Wenn auch die österliche Auferstehungsbotschaft das christliche "Urevangelium" ist, so darf doch die Menschwerdung Christi in ihrer Ranghöhe innerhalb des Evangeliums nicht unterschätzt werden. Denn das unterscheidend Christliche ist nicht so sehr die Kunde, daß der Tod überwunden ist, sondern eher die Art und Weise, wie das geschieht: Gott rettet nicht dadurch, daß er die Menschen von der Erde entrückt, sondern indem er selbst irdisch wird. Der Weg der Erlösung führt durch die Welt hindurch; und zum Leben gelangt der Mensch in der Nachfolge Jesu im Durchgang durch den Tod.
Das Geheimnis der Inkarnation enthält ein Programm für christliche Lebens- und Welthaltung: Das Heil kann nicht im Rückzug oder in der Flucht aus der Welt gesucht werden, sondern in der Mitwirkung bei ihrer Gestaltung. Christliche Spiritualität ist wesentlich immer auch politisch interessiert und kulturell engagiert. Deshalb beinhaltet christliche Mission immer auch das Streben nach Inkulturation der Glaubensbotschaft. Auf existentieller Ebene betrachtet der Christ die realen Bedingungen des Menschseins in dieser Welt - Krisen und Konflikte, ja selbst noch Krankheit und Tod - als eine Chance, durch die hindurch er dem Leben näher zu kommen hofft.



Inkulturation
Der Auftrag an die Jünger, "zu allen Völkern" zu gehen, um ihnen die Frohe Botschaft zu verkünden, zeugt vom universalen Selbstverständnis des Christentums. Nun ist die Verkündigung des Evangeliums aber darauf angewiesen, daß die Adressaten fähig und bereit sind, es zu hören und zu verstehen. Die menschlichen Adressaten wiederum jedoch können nur verstehen, was in menschlichen Kategorien gesagt wird. Das bedeutet: Wiewohl Gott und sein Wort immer unendlich größer sind als der Mensch und das vom Menschen Sagbare, ist dennoch das offenbarende Wort der Bibel "Gottes Wort in menschlichem Mund" - ähnlich, wie Jesus Christus in seiner Person die fleischgewordene, das heißt: menschliche, Gegenwart Gottes in der Welt ist.
So ergibt sich aus dem Grunddatum der Inkarnation zusammen mit dem universalen Anspruch des Christentums die Notwendigkeit, das Wort Gottes nicht nur in der Sprache der Menschen in biblischer Zeit, sondern immer wieder neu in der von Menschen jeweils verstehbaren Sprache zu künden - in verschiedenen geschichtlichen Stunden und unterschiedlichen kulturellen Situationen. Der älteste Inkulturationsprozeß, den wir kennen, ist wohl die sogenannte "Hellenisierung" des Christentums: Wollte man die Botschaft nicht nur den Juden, sondern auch den Heiden verkünden, genügte es nicht mehr, die Worte Jesu einfach zu wiederholen. Das Evangelium sollte eine Heilsantwort für alle Menschen und alle Zeiten sein, also mußte es in einer Weise zum Ausdruck kommen, die sich von den Worten der Bibel unterschied: Keine der großen dogmatischen Formulierungen etwa zur Trinität ist biblischen Ursprungs, wohl aber zeigt sich in ihnen der Versuch, die biblische Botschaft in einen anderen Kulturkreis hineinzusprechen - zu inkulturieren.
Inkulturation ist ein Auftrag an christliche Mission - besonders drängende Fragen ergeben sich gegenwärtig aus der Berührung der Glaubensbotschaft etwa mit den afrikanischen und südamerikanischen Kulturen: es gilt die Balance zu wahren zwischen Angleichung an die jeweilige Kultur und der Bewahrung der Identität und Authentizität des Evangeliums; des weiteren bleibt Inkulturation die immerwährende die Aufgabe der Theologie, auch in den traditionell vom Christentum geprägten Ländern den Anschluß an die Kultur der Menschen zu halten. Daran entscheidet sich die Frage, ob das Evangelium den Menschen auch weiterhin etwas zu sagen hat.



Inspiration
Die Vorstellung, daß Menschen unter göttlichem "Anhauch" bestimmte Worte sprechen oder heilige Schriften verfassen, ist in beinahe allen Religionen anzutreffen. Es gilt deshalb auch insbesondere nach der Eigenart eines christlichen Inspirationsbegriffs zu fragen.
Im Alten Testament wird eine Einwirkung Gottes bei den Richtern, den Künstlern, den Königen, und schließlich den Propheten angenommen: sie reden und handeln im Namen Gottes. Besonders aber wird der Besitz des Geistes dem Messias zugesprochen. Noch in neutestamentlicher Zeit ist die Inspiration vorwiegend Befähigung zum Reden, erst im 4. Jahrhundert gesellt sich die Vorstellung dazu, Gott sei auch der Urheber (auctor) von heiligen Schriften. Dieser letztere, besonders bei Augustinus zu findende Aspekt ist in der folgenden Geschichte der Theologie zum Hauptaspekt geworden. Eine wichtige Klarstellung nahm die Väterzeit vor: es ist ein und derselbe Geist, der das Alte Testament beseelt und der die Ankunft Christi bezeugt. Diese Abgrenzung wurde nötig gegen die Lehre des Manichäismus, der die Verfasserschaft für das Alte Testament dem Satan zuschreiben wollte.
Eine entscheidende Frage liegt darin, wie das Zusammenwirken des Geistes Gottes und des menschlichen Verfassers zu denken ist. Gegen die auch in der christlichen Kunst bezeugte Vorstellung, die biblischen Autoren hätten Gottes Worte gleichsam als Diktat empfangen, muß unter Berücksichtigung des christlichen Grunddatums der Inkarnation betont werden, daß es kein Gotteswort ohne Menschenwort gibt. Die Urheberschaft Gottes schließt die Eigenart und Freiheit des menschlichen Autors nicht aus. Selbst die Worte Jesu sind immer auch an die Ausdrucksweise der Menschen seiner Zeit und seines Kulturkreises gebunden und unterliegen deren Gesetzen. Es ist deshalb die Unterscheidung zwischen Aussage und Aussageweise zu berücksichtigen; jegliche Interpretation ringt um eine je adäquate Aussageweise des ursprünglich Gemeinten.
Die Theologie der Reformation weist auf einen entscheidenden Aspekt des Inspirationsbegriffes hin: Er wäre zu eng gefaßt, beschränkte man die Wirkung des Geistes lediglich auf den Prozeß der Abfassung der heiligen Schriften; Inspiration bedeutet auch das Lesen und Verstehen der Bibel und ist damit ein dynamischer Begriff. Damit aber ist - das reformatorische Verständnis wiederum überschreitend - auch die Bedeutung der Tradition als der Prozeß betont, in dem die Heilige Schrift weitergegeben und immer wieder neu inkulturiert wird.

 

 

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