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Organspende - Hirntod - Nächstenliebe

Medizinische, juristische und theologische Anmerkungen
zum Transplantationsgesetz in der Bundesrepublik Deutschland
> Landshuter Zeitung, November 1997

Am 25. Juni 1997 verabschiedete der Deutsche Bundestag mit Zweidrittel-Mehrheit ein Gesetz zur Regelung der Organspende in Deutschland. Voraus ging ein langes Ringen und eine engagierte Diskussion, bei der die Fronten quer durch die Parteien verliefen. Gleich nach der parlamentarischen Sommerpause passierte das Gesetz den Bundesrat, so daß es am 1. November 1997 in Kraft treten konnte. Damit hat auch die Bundesrepublik Deutschland - übrigens als eines der letzten Länder Europas - die Spende, die Vergabe und den Empfang von menschlichen Organen gesetzlich geregelt. An dieser Stelle sollen medizinische, juristische und vor allem ethische Aspekte geschildert werden, die in Zusammenhang mit diesem Thema zu Tage treten und die auch bei der Entscheidung des Bundestags eine Rolle spielten.

1. Die gegenwärtige Situation: Mangel an transplantierbaren Organen

Obwohl bisher in Deutschland ein Transplantationsgesetz fehlte, wurden - wie allgemein bekannt ist - dennoch Organverpflanzungen durchgeführt. Die medizinische und medizintechnische Kompetenz auf diesem Sektor verbesserte sich in den letzten Jahren dramatisch und versetzte die Ärzte in die Lage, mit Hilfe von Spenderorganen menschliches Leben nachhaltig zu verlängern und Lebensqualität entscheidend zu verbessern. Die Liste der inzwischen transplantierbaren Organe ist beachtlich; neben der schon fast als "Routine-fall" geltenden Niere kommen Herz, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse, Dünndarm und andere Organe des Verdauungstraktes, Gehörknöchelchen, Hornhaut und Haut in Betracht. Trotz dieser imposanten Erfolge kann die Lage nicht als zufriedenstellend bezeichnet werden: im Jahr 1996 wurden in Deutschland zwar 3228 lebenswichtige Organe transplantiert; aber die Warteliste ist doppelt so lang, und jedes Jahr sterben Hunderte von Patienten, die auf dieser Warteliste stehen, bevor sie ein rettendes Organ erhalten können. Es darf ohne weiteres eingestanden werden, daß man sich vom neuen Gesetz unter anderem auch erwartet, daß die Zahl der Spenderorgane sich erhöht und damit mehr Menschen geholfen werden kann.

2. Organspende: ein Thema mit "Gefühlsaufladung"

Der gesamte Entscheidungsprozeß des Parlaments und erst recht die Haltung von "Frau und Mann auf der Straße" zur Organspende sind stark emotional gefärbt; dies ist bei einem existentiell derart bedeutsamen Thema normal. Diese müssen Gefühle gesehen und ernst genommen werden. Der eine Teil dieser Gefühle sind Befürchtungen und Ängste: nicht wenige Menschen fragen, ob nicht möglicherweise die optimale medizinische Versorgung schwer verunglückter oder erkrankter Menschen gefähr-det sein könnte, weil man an ihre Organe kommen möchte, und sie sehen die Gefahr des Handels mit Organen auf unsere Gesellschaft zukommen; vor allem aber knüpfen sich Ängste an die Frage nach der Bestimmung des Todeszeitpunktes, der ja bekanntermaßen nach den Kriterien des sogenannten "Hirntods" bestimmt wird. Viele fragen sich schlicht, ob der "Hirntote" wirklich tot ist oder ob nicht durch die Entnahme von Organen erst sein Tod herbeigeführt wird. Schließlich stellt sich manchen Menschen die Frage, wie die christliche Rede von der "Auferstehung des Leibes" zu vereinbaren ist mit der Vorstellung, daß ein Mensch, dem nach seinem Tod Organe entnommen wurden, sozusagen "unvollständig" in die Ewigkeit gelangt. Obgleich von manchen belächelt, kann eben diese Sorge für andere Menschen durchaus bedrängend wirken. Andererseits weckt die Organspende große, fast euphorische Hoffnungen. Dies versteht man wohl am klarsten, wenn man einen Menschen zu seinem Bekanntenkreis zählen kann, der beispielsweise aufgrund eines totalen Nierenversagens einem langsamen, aber steten gesundheitlichen Verfallsprozeß ausgesetzt war. (Die Dialyse, also die maschinelle Blutwäsche, kann zwar bis zu einem gewissen Grad an die Stelle der Nieren-funktion treten, aber sie kann sie nicht eigentlich ersetzen.) Wer nun aber erlebt hat, wie so ein Mensch nach einer Nierentransplantation plötzlich auflebte, nach relativ kurzer Zeit wieder ein beinahe "normales" Leben führen konnte und zudem gute Chancen hat, daß dies auch lange so bleibt, der wird begeistert sein von dieser Art ärztlicher Hilfe. So ist es durchaus nachvollziehbar, wenn sich viele eine steigende Tendenz bei der Zahl der Organspender wünschen.

3. Die verschiedenen Alternativen einer gesetzlichen Regelung

Als der Bundestag das Transplantationsgesetz diskutierte, standen nach dem Vorbild anderer Länder vier Grundtypen einer gesetzlichen Regelung zur Debatte. Bei all diesen Modellen ist grundsätzlich immer die Diagnose "Hirntod" vorausgesetzt.

3.1 Die Zustimmungslösung
Die Organentnahme ist nur dann zulässig, wenn der Spender zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Seine fehlende Einwilligung ist später durch keinen Vertreter ersetzbar. Bei dieser Lösung wird dem nachwirkenden Persönlichkeits- und Selbstbestimmungsrecht eines Verstorbenen Vorrang gewährt.

3.2 Die Erweiterte Zustimmungslösung
Die Organentnahme ist nur dann zulässig, wenn eine ausdrückliche Zustimmung des Spenders zu dessen Lebzeiten oder von dessen Angehörigen nach Befragung durch einen Arzt abgegeben wurde. Hier sind noch die beiden Varianten zu unterscheiden, deren eine auch dem Willen der Angehörigen Geltung zumißt und deren andere den Angehörigen lediglich die Aufgabe gibt, den vermuteten Willen des möglichen Spenders wiederzugeben. Diese Lösung sucht gegenüber dem nachwirkenden Persönlichkeitsrecht des möglichen Spenders ein wenig mehr das Interesse des möglichen Empfängers aufzuwerten.

3.3 Die Informationslösung
Hier wird primär auf die zu Lebzeiten des Spenders abgegebene Erklärung abgestellt. Organentnahmen dürfen nicht erfolgen, wenn der Spender zu Lebzeiten widersprochen hat. Hat er keine schriftliche Erklärung hinterlegt, müssen die Angehörigen von einem Arzt befragt werden. Der Arzt muß ihnen eine angemessene Frist setzen, in der sie sich gegen die Organentnahme aussprechen können. Tun sie dies nicht, wird dieses „informierte Schweigen“ als Zustimmung zur Organentnahme gewertet.

3.4 Die Widerspruchslösung
Die Organentnahme ist grundsätzlich zulässig, es sei denn, der Spender hat zu Lebzeiten schriftlich widersprochen. Dieses Modell entspricht einer Empfehlung des Europarates von 1978, wonach den Interessen des möglichen Organempfängers prinzipiell der Vorrang gegeben wird.
Verschiedene Länder praktizieren diese unterschiedlichen Alternativen, allerdings in manchen Variationen. England, die Türkei, Dänemark und Schweden, sowie im wesentlichen auch die USA gehen nach der Zustimmungslösung oder der erweiterten Zustimmungslösung vor. (Wobei Schweden und Dänemark Ende der 80ger Jahre von der Widerspruchslösung diesem Modell umschwenkten.) Die Widerspruchslösung gilt in Finnland und Norwegen, Belgien, Frankreich, Spanien und Portugal, sowie vor allem auch in unserem Nachbarland Österreich.

4. Das deutsche Transplantationsgesetz

Das Gesetz, das der Deutsche Bundestag am 25. Juni 1997 verabschiedete, sieht die „erweiterte Zustim-mungslösung“ vor. In den namentlichen Abstimmungen entschieden sich 424 von 635 Abgeordneten dafür, daß die Entnahme lebensnotwendiger Organe unzulässig sein soll, wenn die Person, deren Tod festgestellt ist, der Organentnahme widersprochen hatte. Diese Zustimmungslösung wurde mit 421 von 634 Stimmen erweitert: Danach müssen Angehörige über eine Organentnahme entscheiden, wenn der Verstorbene sich zu seinen Lebzeiten nicht selbst erklärt hat. Hierbei haben sie sich - dies ist wichtig! - am mutmaßlichen Willen des Verstorbenen zu orientieren. Außerdem haben sie die Möglichkeit, mit dem Arzt eine Vereinbarung zu treffen, nach der sie ihre Einwilligung innerhalb einer bestimmten Frist widerrufen können. Schließlich wird auch die Möglichkeit der sogenannten „Lebendspende“, also der Entnahme eines lebenswichtigen Organs aus einem lebendigen Körper, eingeräumt. Selbstverständlich ist sie nur möglich bei Organen, die paarig angeordnet sind, so daß die Unversehrtheit des Spenders nicht in unvertretbarer Weise beeinträchtigt wird. Zusätzlich schränkt das Gesetz die Lebendspende noch ein auf Verwandte ersten Grades, Ehegatten, Verlobte oder andere Personen, die dem Spender in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahestehen. Damit soll die Gefahr des Organhandels unterbunden werden.

5. Der Hirntod

Wie mehrfach erwähnt, haben alle angeführten Lösungsmodelle eines gemeinsam: sie setzen die sichere Feststellung des Hirntods voraus. Diesem sogenannten Hirntod-Kriterium soll nun nachgegangen werden. Zunächst wird geklärt, wie Hirntod definiert ist, danach stellt sich die Frage, ob bei Vorliegen dieses Kriteriums tatsächlich der Tod des Menschen als Person gegeben ist. Ersteres ist eine medizinische, letzteres eine philosophisch-theologische, sowie ethische Frage.

5.1 Der medizinische Aspekt: Wie äußert sich der Hirntod?
Die Bundesärztekammer definiert den Hirntod als „Zustand des irreversiblen Erloschenseins der Ge-samtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms bei einer durch kontrollierte Beatmung noch aufrechterhaltenen Herz-Kreislauf-Funktion.“ Und weiter: „Der Hirntod ist der Tod des Menschen.“ Festgestellt wird der Hirntod durch unterschiedliche Diagnoseschritte. In der Hauptsache sind zu nennen:
Die Prüfung, ob eine schwere Gehirnschädigung vorliegt, die mit einem unumkehrbaren Funktionsausfall einhergeht. Die Untersuchung der Vollständigkeit des Gehirnausfalls durch das gleichzeitige Vorhandensein von bestimmten klinischen Todeszeichen, darunter das tiefe Koma, der Ausfall der Hirnstammreflexe (Pu-pillen-, Husten- und Würgreflexe, Schmerzreaktionen im Gesicht, etc.), sowie der Ausfall der eigenen Atem- und Herz-Kreislauf-Tätigkeit. Das Feststellen der Unumkehrbarkeit des Gesamt-Hirntods durch mehrmaliges Wiederholen der ge-nannten Untersuchungen bei immer gleichem Befund und schließlich durch den Einsatz von technischen Geräteuntersuchungen (Elektro-Enzephalogramm, Evozierte Potentiale, etc.)
Damit die Diagnose „Hirntod“ über jeden Zweifel erhaben ist, muß sie von zwei Ärzten unabhängig vonein-ander und in festgelegten Wiederholungsraten gestellt werden; diese beiden Ärzte - selbstverständlich Spezialisten, in der Regel Neurologen - dürfen in keinerlei Verbindung mit dem möglichen Explantationsteam stehen. Die diagnostizierenden Ärzte sind gehalten, ihre Maßnahmen protokollarisch zu dokumentieren und damit nachvollziehbar zu machen. Die Reglementierung der Feststellung des Hirntods ist so rigid, daß eine medizinische Fachzeitschrift diese Diagnose als „wahrscheinlich die sicherste in der ganzen Medizin überhaupt“ bezeichnet. Ausdrücklich sei betont, daß „Hirntod“ keinesfalls mit bloßem Koma, auch wenn es über lange Zeit besteht, verwechselt werden darf. Der im Zusammenhang mit Transplantationsmedizin gemeinte Hirntod ist immer der Ganzhirntod als der restlose Ausfall aller Funktionen oberhalb des großen Hinterhauptloches, der Ein- und Austrittsöffnung des Rückenmarks. Die Diagnose „Hirntod“ wird in der Regel dann Realität, wenn ein Mensch entweder durch einen Unfall schwere Gehirnschädigungen erleidet. Dann treten die Rettungsdienste in Aktion und versuchen in jedem Fall, den Verletzten zu reanimieren. Wenn dies nur in Bezug auf die körperlichen Funktionen gelingt, nicht aber, was die Gehirntätigkeit angeht, kann der Fall „Hirntod“ eintreten. Ebenso kann dies geschehen bei Gehirnschädigung etwa durch Schlaganfall und einer dadurch eintretenden Durchblutungsstörung des Gehirns.

5.2 Der philosophisch-theologisch-ethische Aspekt: ist der „Hirntod“ der Tod des Menschen?
Hirntod ist unanschaulich. Wer einen Hirntoten sieht, kann beobachten, daß sich - wenn auch maschinell gestützt - der Brustkorb hebt und senkt und das Herz seine Tätigkeit verrichtet. Kritiker verweisen auch darauf, daß Hirntote zu „menschentypischen Lebensäußerungen“ imstande seien: sie bewegen unter Um-ständen die Extremitäten, können möglicherweise Fieber und Schweiß entwickeln. Daß auch Veränderungen des Blutdrucks und der Pulsfrequenz zu beobachten sein können, wird von diesen Kritikern als Schmerzreaktion gedeutet. Mediziner können diese Erscheinungen jedoch als „rein spinale Phänomene“ erklären, d. h. als Reflexautomatismen, die vollständig vom Rückenmark ausgehen und ohne zentrale Regulation stattfinden. Ein anderer Einwand reklamiert, daß das Leben des Menschen, gleich welcher Form, als „heilig“ zu be-trachten sei. Diese Position ist aus christlicher Sicht schon darin problematisch, als sie beispielsweise kaum akzeptieren könnte, daß ein Mensch in einem Extremfall sein Leben für einen anderen einsetzt oder sogar hingibt. Die Tat, für die Pater Maximilian Kolbe selig gesprochen wurde, nämlich sich selbst als Todeskan-didat angeboten zu haben anstelle eines Familienvaters, der dadurch überlebte, könnte ethisch nicht gerecht-fertigt werden, wenn das irdisch-leibliche Leben des Menschen der absolute Wert wäre. Außerdem ist zu bemerken, daß auch noch nach dem Zeitpunkt, zu dem auch schon ganz traditionell vom Tod gesprochen wird, im toten Körper noch biologische Prozesse ablaufen: Lebensvorgänge von Haut, Haa-ren, Spermien, etc. sind noch Tage und Wochen nach dem Herz-Kreislauf-Stillstand nachweisbar. Hierbei handelt es sich sicher um menschliche Lebensvorgänge, aber ebenso sicher eben nicht um die spezifisch menschliche Lebendigkeit. Das gleiche läßt sich anschaulich machen, wenn man bedenkt, daß man Organe, Gewebe und Zellen, ja sogar ein menschliches Herz für eine gewisse Zeit außerhalb des Körpers „lebendig“ halten kann. Deswegen liegt aber noch kein menschliches Leben im Sinne von „personal“ vor.
Entscheidend ist: Das Gehirn ist nicht nur ein Organ wie andere auch, sondern seine Integrationsfunktion macht aus den Einzelfunktionen der verschiedenen Organe ein Ganzes - einen Organismus. Nach dem Hirntod fehlt den Vorgängen im Körper jegliche Form einer ganzheitlichen Existenzweise des Lebewesens. Die Minimalfunktion des Gehirns ist unverzichtbare Voraussetzung dafür, daß menschliches Leben in Per-sonalität existieren kann. Solange die Verschaltung der Einzelfunktionen zu einem Ganzen vorhanden ist, kann und muß man von menschlich-personalem Leben sprechen. Wenn aber der menschliche Körper durch den restlosen Ausfall der Gehirnfunktionen aufgehört hat, ein Ganzes zu sein, besteht kein „Individuum“ mehr, sondern lediglich noch eine Summe von Einzelteilen: ein „Dividuum“. Der in der Diskussion um den Hirntod international bekannte Münchner Neurologe Heinz Angstwurm spricht deshalb vom Hirntod als einer Art „inneren Enthauptung“, einer „Enthauptung, deren Auswirkungen auf den Rumpf und die Kopf-weichteile intensiv-medizinisch verhütet werden.“ Das Plädoyer für den Hirntod als menschliches Todeskriterium behauptet nicht, daß der Mensch auf seine Geistigkeit reduziert würde, sondern trägt vielmehr der theologischen Einsicht Rechnung, daß der Mensch nicht allein seine Seele, sondern eine untrennbare Einheit von Seele und Leib ist. Seele ohne Leib wie Leib ohne Seele formen keinen Menschen, sondern nur die Verwobenheit beider. Die biologische Funktion, die den menschlichen Leib zu einem Ganzen zusammenführt, ist in diesem Sinne die Grundlage und Mini-malbedingung, daß die Seele als spezifisch menschliche Seele existieren kann. Nicht die Verachtung des Leibes, sondern gerade seine hohe Bewertung für den Menschen als Person führt zur Annahme des Hirntodkriteriums.
So ist zu betonen, daß durch die Transplantationsdiskussion nicht, wie Kritiker behaupten, der menschliche Tod „neu definiert“ worden sei. Vielmehr zeigt auch das Hirntodkriterium keinen anderen Tod an als den, der schon immer bei der Ausstellung des Totenscheins festgestellt wurde. Ja, genau genommen, ist der menschliche Tod noch nie zu einem anderen Zeitpunkt eingetreten als zu demjenigen, den wir heute Hirntod nennen. Denn durch die traditionellen Todeszeichen, etwa durch den unumkehrbaren Totalausfall des Herz-Kreislauf-Systems, stirbt im Grunde noch nicht der Mensch als Person, wohl aber durch den Totalausfall des Gehirns, der jedoch erst eine Folge des Herz-Kreislauf-Stillstandes ist.

6. Organspende - einige kirchlich-theologische Schlußbemerkungen

In einer Denkschrift der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutsch-land wurde bereits im Jahr 1990 die Bereitschaft zur Spende von Organen als Zeichen der Nächstenliebe und der Solidarisierung mit Kranken und Behinderten bezeichnet. Seine Organe nach dem Tod zur Verfügung zu stellen heisse also, eine Form der Nächstenliebe zu praktizieren, die über den Tod hinausreiche. Den Angehörigen, die die Einwilligung zur Organentnahme geben, versichern die Bischöfe, sie bräuchten keine Angst zu haben, ihrem verstorbenen Angehörigen in irgend einer Weise Unrecht zu tun, oder ihm zu wenig Respekt entgegen zu bringen. Ergänzend darf gesagt werden, daß zur ethischen Legitimation der Organentnahme von einem toten Spender das sittlich-rechtliche Abwägen zwischen der den Tod eines Menschen überdauernden Würde mitsamt sei-nen Persönlichkeitsrechten und der zu wahrenden Pietät einerseits und der dringend benötigten medizini-schen Hilfe für einen potentiellen Organempfänger andererseits gehört. Nicht zuletzt im Kontext einer sol-chen Güterabwägung können Gesichtspunkte der Pietät und Integrität zurücktreten gegenüber dem höheren Wert der Lebensrettung eines möglichen Organempfängers. Schließlich soll noch die eingangs erwähnte Frage bedacht werden, ob die Vorstellung von einer „Auferste-hung des Leibes“ nicht fordert, seinen Körper „vollständig“ zu erhalten über den Tod hinaus. Dazu muß der Begriff „leibliche Auferstehung“ geklärt werden. Sie ist ja wirklich die christliche Hoffnung für die jenseitige Welt. Christliche Auferstehungshoffnung ist also nicht einfach mit einem Weiterleben der unsterblichen Seele zu beschreiben; Auferstehung ist mehr, sie bezieht den ganzen Menschen mit ein - sozusagen „mit Haut und Haar“. Leibliche Auferstehung heißt aber nicht, daß unser Körper in seiner Stofflichkeit einfach übernommen wür-de und damit das jenseitige Leben eine bloße Fortsetzung des diesseitigen Lebens wäre. Vielmehr meint die „Auferstehung des Leibes“, daß der Mensch mit allem, was sein Wesen und seine Eigenart ausmacht, zum neuen Leben berufen ist; nichts, was ihn in seiner Individualität und Einmaligkeit kennzeichnet, fehlt in der Ewigkeit. Auferstehung des Leibes will also sagen: Ich werde Ich bleiben und Du bleibst Du; und: wir wer-den uns wiedersehen und wiedererkennen! Weniger gemeint ist die Fortdauer jedes einzelnen körperlichen Details. Deshalb wird ein gespendetes Or-gan in der Wirklichkeit Gottes nicht fehlen oder dem Leben in der Auferstehung abträglich sein. Möglicherweise und ganz im Gegenteil könnte man sogar sagen: Ein „fehlendes“, weil gespendetes, Organ könnte am Ende einen Menschen vielleicht sogar noch vollständiger machen, denn der Einsatz für einen hilfsbedürftigen Mitmenschen ist ja etwas Urchristliches und gleichzeitig Urmenschliches. Trotzdem soll die Bereitschaft zur Organspende der freien Entscheidung des Einzelnen überlassen bleiben. Sie ist in diesem Sinne nicht Christenpflicht, wohl aber eine herausragende Möglichkeit zur tätigen christlichen Nächstenliebe.

 

 

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