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Wiederverheiratete Geschiedene und die katholische Kirche

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Stimmen der Zeit 8/1995, S. 564 - 566.

Es ist offensichtlich, dass noch erheblicher Diskussionsbedarf in der Frage nach dem rechten kirchlichen Umgang mit geschiedenen und wiederverheirateten Christen besteht. Es handelt sich aber dabei nicht nur um eine Frage der Disziplin, sondern zunächst einmal ist eine verantwortete theologische Orientierung vonnöten. In den vorliegenden Überlegungen wird von der These ausgegangen, dass mit der Realität Scheidung innerkirchlich deshalb nur unbefriedigend umgegangen werden kann, weil eine ungenügende theologische Rede nicht nur von der Wirklichkeit gescheiterter Beziehung, sondern tiefer von der Wirklichkeit der Liebe und der Beziehung, ja von der Ehe selbst zugrunde liegt.
Deshalb sollen hier einige Überlegungen zur Ehetheologie vorgestellt werden, die Grundlage dafür sein können, Geschiedene und Wiederverheiratete differenzierter zu sehen und den kirchlichen Umgang mit ihnen gerechter als bisher, aber ebenso theologisch verantwortet zu gestalten. Andererseits geht es darum, dass Menschen nach einer gescheiterten Ehe sich selbst nicht als von Gott verstoßen zu betrachten brauchen und getrost ihren Glaubensweg weitergehen können.

Es bedarf einer realistischen Rede von der Ehe
Von grundlegender Bedeutung ist die Frage nach der Sakramentalität der Ehe, weil die Nichtzulassung Wiederverheirateter davon abhängt, ob die erste Ehe sakramental gültig war.
In einer älteren Theologie des Ehesakraments, die stark rechtlich orientiert war, überwiegt die juridische, altrömische Bedeutung von "sacramentum" im Sinn von "Treueid". Ehe war auch theologisch gesehen weitgehend identisch mit dem Ehevertrag, mit dem sich die Eheleute aneinander gebunden hatten. Wer mit diesem Verständnis von Ehesakrament an das Phänomen Scheidung denkt, kann diese folgerichtig nur als Treubruch, als Verletzung des Treueids sehen. Scheidung ist hier so etwas wie Fahnenflucht oder Vertragsbruch.
In der neueren Theologie hat sich eine lebensnähere Sicht entwickelt. Hier wurde die ursprüngliche, dynamische Sinngebung von Sacramentum wiedergewonnen.
Um klar zu sehen, worum es geht, sollte man zunächst am Beispiel des Tauf Sakraments bedenken, was Sakrament meint. Die einschlägige Stelle aus dem Neuen Testament findet sich im Römerbrief: Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? ... Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein (Rom 6, 3-5). Das Sakrament der Taufe zu empfangen heißt also: Christus gleichgestaltet werden, die eigene Sterbenserfahrung vom Tod Christi her verstehen und sich aus seiner Kraft neues Leben - Auferstehung - erhoffen.

Sakrament: verbunden sein mit Christi Tod und Auferstehung
Soll dieses Getauftsein auf Christi Tod wirklich ernst genommen werden, so kann es nicht nur auf den leiblichen Tod am Ende des irdischleiblichen Lebens bezogen werden, sondern es muss integrative Bedeutung für das ganze Leben haben. Das heißt, dass all die kleinen Tode, die einen Menschen im Lauf seines Lebens ereilen, auf das Kreuz Christi bezogen werden sollen und dass daraus - schon mitten im Leben - Auferstehung erhofft werden darf. Diese Vergegenwärtigung des Durchgangs-Geschehens durch Tod in die Auferstehung ist die Grundstruktur jedes christlich verstandenen sakramentalen Geschehens, auch des Sakraments Ehe.
Es zeigt sich, dass mit einem solchen Begriff von Sakrament die Beziehung zwischen Mann und Frau realistischer angeschaut werden kann. Denn diese Beziehung ist ja nicht nur das, was sie nach dem Traum Gottes (Paul M. Zulehner) eigentlich sein sollte: beglückende Einheit, - sondern auch die Liebe - ja, vielleicht gerade sie - ist betroffen von der Sünde. Dadurch wird auch die Ehe ambivalent: Sie ist Liebe, aber auch Herrschaft. Sie ist Hingabe, aber auch Machteinrichtung. Sie ist Geschenk, aber gleichzeitig auch Selbstsucht (Leonardo Boff).
Das Ehesakrament ist kein vertraglich gesicherter Besitz, sondern muss durch Krisen hindurch immer wieder neu errungen werden. Das bedeutet, dass das Scheitern eine Wirklichkeit in jeder lebendigen Beziehung ist. Denn auch dieses gehört zum Prozess der Liebe: das Erlöschen der Zuneigung, keine Zeit haben füreinander, getrennt sein (als innerliche und äußerliche Wirklichkeit), Entfremdung und bittere Enttäuschung - Erfahrungen des Sterbens, das sich hereindrängt in den Kräfte verzehrenden Konflikten, in dem Loslassenmüssen seiner selbst und des Partners, schließlich durch Krankheit und Tod selbst. Mann und Frau, die sich miteinander auf den Weg machen, bleibt der Karfreitag nicht erspart; Ehe und Liebe sakramental verstehen heißt: auch nach dem Karfreitag mit Auferstehung rechnen - mitten im Leben.

Scheitern: eine unausweichliche Erfahrung in jeder Ehe
Eine wichtige Erkenntnis aus diesen Überlegungen ergibt sich auch aus dem, was sich in der Beziehungswirklichkeit Ehe tatsächlich erfahren lässt: Das Scheitern ist nicht nur eine Sache derer, die sich scheiden lassen, es trennt nicht die glücklichen von den verunglückten Ehen, sondern es ist eine gemeinsame Erfahrung aller, die sich auf Beziehung einlassen. Was aber ist nun, wenn die Ehe nicht durch Scheitern hindurch festgehalten wird, sondern selber scheitert? Zunächst sei betont: Es ist nichts damit gewonnen, wenn mit dem Misslingen einer Ehe verharmlosend oder verdrängend umgegangen wird. Es muss klar gesehen werden, dass hier ein Lebensentwurf zusammenbricht; die Schmerzen und die Schuld, die damit zusammenhängen, müssen wahrgenommen und verarbeitet werden. Andererseits: Ein Mensch, der Scheitern erleben muss, ist deswegen nicht besonders weit von Gott entfernt. Vielmehr darf er sicher sein, dass ihm der Gott, der in Jesus Mensch geworden ist, sehr nahe kommt. Denn das Kreuz Jesu Christi ist der Ort, wo die eigenen durchkreuzten Lebensentwürfe hingetragen werden dürfen. Das gilt auch für eine gescheiterte Ehe.

Auferstehung: eine Verheißung für die Gescheiterten
Auch nach einer gescheiterten Ehe gilt den Partnern die Verheißung der Auferstehung, wie diese auch immer aussehen mag. Jedenfalls ist Auferstehung keine nur jenseitige Kategorie; auch nach den Erfahrungen des Sterbens mitten im Leben, nach Scheitern und Schuldigwerden, darf auf einen Neuanfang gehofft werden. So schreibt Lorenz Wachinger: "Auf die Auferweckung wäre zu hoffen, auf die Erfüllung einer Ehe im Nicht-Verrechenbaren und Nicht-Aufweisbaren." Und er fragt, ob nicht damit gerechnet werden müsste, dass ein Mensch geläutert aus einer Scheidung hervorgeht und dass ihm "nach dem Durchstehen und Durchtrauern der Trennung, des Schmerzes, der Wut und des Hasses, nach dem Zerbrechen alter Formen neue Lebensmöglichkeiten zuwachsen" können.

Kirche: ein Erfahrungsraum für Auferstehung
Hier soll dafür plädiert werden, dass die Kirche der Raum sein sollte, in dem Neuanfang, neue Lebensmöglichkeiten, Auferstehung erfahrbar sind. Wenn das aber realistisch möglich sein soll, dann braucht die Kirche Menschen, die Erfahrungen mit dem Scheitern und mit der Bewältigung des Scheiterns haben. Die Gemeinschaft der Gläubigen braucht die "Kompetenz* dieser Menschen, damit in der christlichen Gemeinde Neuanfang gelingen kann und dadurch die Kirche immer mehr ein Ort der Auferstehung wird.
P. M. Zulehner beschreibt sehr treffend diesen Paradigmenwechsel von Belastung zu "Bereicherung in der Sichtweise von wiederverheirateten Geschiedenen: "In vielen Gesprächen habe ich gelernt, dass diese Frauen und Männer für die Kirche keineswegs nur ein Problem sind, das man lösen müsse. Mir ist die Einsicht geschenkt worden, dass ich von diesem Personenkreis sehr viel gelernt habe. Das ist die entscheidende Botschaft, die wir von ihnen In der Kirche zu vernehmen haben: Du kannst vor Gott bestehen vor jeder Leistung und trotz aller Schuld. Diese Botschaft kann man nur schwer verstehen, wenn man erfolgreich ist und meint, vor Gott ganz gut dazustehen.

Kirche braucht Menschen, die Erfahrung mit Auferstehung haben
Gerade wem die Kirche ein Anliegen ist, der muss sich wünschen, dass Menschen, wenn sie vom Scheitern betroffen sind, sich dieser Kirche immer wieder zumuten, auch wenn sie es mit ihr manchmal schwer haben. Es wäre wichtig für sie zu lernen, nicht nur das zu sehen, was sie belastet, sondern selbstbewusst auch das, was sie an Lebenswissen einzubringen haben. Und innerkirchlich muss realisiert werden, dass gerade diese Menschen eine Sen düng haben für die Kirche, damit diese Kirche als das erkenntlich wird, was sie - trotz dunkler Schatten in allen Phasen der Kirchengeschichte -doch immer wieder gewesen ist: Erfahrungsraum des barmherzigen Gottes.
Die kirchliche Praxis muss sich auch heute noch nicht nur an Jesu Weisung mit ihrer Betonung der ehelichen Treue (Mk 11, 6 - 9,11 f.) messen lassen, sondern auch an seiner Aufforderung: Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein (Joh 7, 53-8, 11). Dies gilt um so mehr, wenn man erkennt, wie künstlich und wirklichkeitsfremd eine schroffe Trennung zwischen gelungenen und misslungenen Ehen Ist, und wie sehr doch die Gefahr des Misslingens jederzeit über jeder ehelichen Beziehung schwebt. In ihrem Handeln muss die Kirche die große Spannweile der Position Jesu zur Geltung kommen lassen; sie muss, wie der Meister, zwar kompromisslos und konsequent die Reich-Gottes-Botschaft mit ihrer Ansage des Willens Gottes mit dem Menschen unverfälscht bewahren, andererseits aber auch nach bedingungsloser Zuwendung zu denen streben, die noch nicht ganz von der Wirklichkeit des Reiches Gottes erfasst sind -und das sind schließlich alle Menschen. Die Beachtung der Spannung zwischen dem Schon jetzt und dem Noch nicht in der Reich-Gottes-Botschaft, die schon in der Praxis Jesu zu beobachten ist, bietet einen guten Ansatzpunkt dafür, wie die Unauflöslichkeit der Ehe und die christliche Barmherzigkeit ohne Widerspruch miteinander versöhnt werden können.

Die Kirche hat Spielraum für einen neuen Umgang mit Scheitern
Als Irrtum muss die Meinung bezeichnet werden, die Kirche hätte in ihrem Verhalten den Wiederverheirateten gegenüber keinen Spielraum; denn schon innerhalb des Neuen Testaments legt der Matthäusevangelist Zeugnis dafür ab, wie offensichtlich die jesuanische Radikalforderung - überliefert bei Markus 11, 6-9.11 f. -den Verhältnissen in seiner Gemeinde angepasst wurde: Durch das Einfügen der Unzuchtsklausel erreicht Matthäus insgesamt eine Annäherung seiner judenchristlichen Gemeinde an Jesu Maximalforderung: die Scheidebriefpraxis ist auf einen einzigen Fall eingeschränkt, den von Unzucht; andererseits zeigt diese Stelle ein Gespür für das konkret Mögliche und verzichtet auf Überforderung (Mt 19. 9; vgl. 5, 32).
Aber nicht nur in der Heiligen Schrift, sondern auch in der kirchlichen Tradition lassen sich Handlungsalternativen und Handlungsspielräume finden. Denn niemals wurde von der römischen Kirche die Option der Ostkirchen verurteilt, die sich unter Berufung auf das Prinzip der Heilsökonomie für die Möglichkeit der offiziellen Auflösung einer Ehe und - nach mehrjähriger Bußzeit- einer zweiten sakramentalen Eheschließung entschieden haben. Durch diese bewusste Nichtverurteilung zeigt die römische Kirche mindestens indirekt an, dass diese ostkirchliche Praxis eine christliche Möglichkeit ist. Wenn diese Praxis aber eine christliche Praxis ist, so ist sie auch der römischen Kirche nicht von vornherein verschlossen. Die Lösung der Ostkirchen ist wirklichkeitsgerechter als das Annullierungsverfahren der römisch-katholischen Kirche. Denn bei aller Berechtigung im konkreten Einzelfall kann eine misslungene Ehe eben doch meist nicht als Nicht-Ehe von Anfang an verstanden werden; viele Betroffene empfinden die Nichtigkeitserklärung als eine unwahrhaftige Lösung und sagen: Warum soll denn das keine Ehe gewesen sein - ich habe doch Kinder daraus. Sie äußern damit das Bedürfnis, das Scheitern ihrer Ehe ernst zu nehmen, und würden die Annullierung als eine Ausflucht sehen.
Insgesamt wäre eine Besinnung in Richtung der ostkirchlichen Regelung auch für die katholische Kirche eine hilfreiche Möglichkeit, den divergierenden Forderungen im Zusammenhang unserer Frage weitgehend gerecht zu werden; dieses Plädoyer scheint um so plausibler, als es auch in den Propositiones der Weltbischofssynode heißt: Von pastoraler Sorge um diese Gläubigen getrieben, wünscht die Synode, dass eine neue und noch gründlichere Untersuchung - unter Berücksichtigung auch der Praxis der Ostkirchen - mit dem Ziel angestellt werde, dass die pastorale Barmherzigkeit noch tiefer werde. So ist zu hoffen, dass die Diskussion in Verantwortung gegenüber der Weisung Jesu und dem Heil der kirchlicher Sorge anvertrauten Menschen fortgeführt wird. Ob eine humane und christliche Lösung sowie ein entsprechender Konsens gefunden wird, entscheidet auch über die so angeschlagene Glaubwürdigkeit der Kirche von heute.

 

 

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